Rosa’s waviges Kaleidoskop: Dalek I love you

Ein neues Jahr hat begonnen, Grund für viele Blogbesitzer, das Vergangene Revue passieren zu lassen. Doch darauf habe ich heuer einfach keine Lust und mache stattdessen eben da weiter wo ich aufgehört habe.

Nein, es gibt keine weiteren knallbunten Mode-Eskapaden ;) – aber in den Entwürfen liegt noch genug herum das einmal angeschrieben wurde und dann in Warteschleife verblieben ist. Meine Wahl fiel für den blogtechnischen Jahreseinstand wieder einmal auf einen musikalischen Artikel.

Jedoch, wie der Titel vermuten lässt, spielt ein sehr deutlicher Doctor Who Bezug auch diesmal eine gewisse Rolle ;) – während die britische Kult-Science Fiction Serie bei uns eher weniger bekannt ist, gehört sie in ihrer Heimat schon lange zur Populärkultur.  Mit dem 23. November 1963 als Erstausstrahlungstermin handelt es sich hierbei sogar um die älteste SciFi Serie überhaupt (und schlägt Star Trek damit auf den zweiten Platz zurück) – und in diesem Jahr feiert sie ihr 50-stes Jubiläum.

Da ist es kein großes Wunder, daß Künstler aller Sparten immer mal wieder ihre Begeisterung für diese Serie mit in ihr Werk aufnahmen, im Speziellen im musikalischen Bereich gibt es eine ganze Reihe davon. Ende der80er schaffte es die spätere Kultformation KLF mit “Doctorin the TARDIS” (noch unter dem Namen “The Timelords”) sogar in deutsche Discos, wo das Stück ziemlich guten Anklang fand – ganz ohne das man hierzulande vom Doctor und seiner, als britische Police Box getarnten Zeitmaschine, etwas wusste. Bis dato lief die Serie nämlich noch nicht über deutsche Mattscheiben. 1968 waren dem ZDF einige Folgen mit Patrick Troughton – dem zweiten Schauspieler die die Rolle des Zeitreisenden spielte – angeboten, was nach Vorführung einer der Episoden folgendermaßen abgelehnt wurde:

Die Filme sind in Dekor und Kostümen ebenso naiv wie die Bücher undurchschaubar. Die Ablehnung erfolgt einstimmig.1

Erst der Disco-Erfolg der Timelords bewog RTLplus 1989 die Serie auszustrahlen. In dem Jahr, in welchem in Großbrittannien die Serie vorerst eingestellt wurde.2

Aber ich wollte hier keineswegs die Geschichte der Serie detailliert ausführen, sondern natürlich auch eine Band vorstellen die bei uns offenbar genauso bekannt ist wie die britische Kult-Serie – wenn nicht sogar noch weniger.

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Die beiden Gründungsmitglieder Alan Gill und David Balfe haben, wie so viele spätere Wave-Musiker, ihren Ursprung im Punk Mitte der 70er.  Beide liesen dieses Genre hinter sich um  mit einem experimentelleren Projekt künstlerisch neue Wege zu gehen – der Band-Titel “Dalek, I love you” kam hierbei durch einen Kompromiss zustande, da Gill “Darling, I love you” vorschlug, Balfe allerdings die Band nach den wohl bekanntesten Aliens und Gegenspieler des Doctors benennen wollte – den Daleks – mutierte Lebensformen die im Inneren von salztreuerartigen Mini-Panzern ihr Unwesen treiben, sich für “superior” halten und in ihrem Zerstörungsdrang dann ganz schnell sehr einsilbig werden können.

1978 verlies Balfe die Band um bei namhaften anderen Projekten wie “Big in Japan” und “The Teardrop Explodes” mitzuarbeiten, worauf weitere Künstler zu “Dalek, I love you” kamen, darunter Martin Cooper und Andy McClusky, die jedoch nur sehr kurz blieben, nach ihrem Ausstieg gründeten sie mit Paul Humphries das heute ebenfalls nicht gerade unbekannte Projekt “Orchestral Maneouvres in the Dark” – oder kurz “OMD”.

Die Band verblieb als Duo mit Alan Gill und Dave Hughes, als sie im gleichen Jahr bei Inevitable Records unterzeichneten und ihr erstes Demo – “Freedom Fighters” aufzeichnete, welches dann bei Phonogram landete, das Label zeigte Interesse und “Dalek I” unterzeichnete daraufhin dort – die Verkürzung des Bandnamens wurde ohne Begründung, und ohne die Musiker zu fragen, vom Label vorgenommen, ebenso versuchte man die Akkorde des Demo-Song abzuändern da sie nicht dem “Standard” entsprächen.

Dort erschien schließlich das erste Album - Compass Kumpas - am 24. März 1980.

Dritter Titel des Albums trägt den gleichen Namen wie die Band – Dalek I love you (Destiny) – und dürfte mein absolutes Lieblingslied der Scheibe sein. Selbstredend bin ich aufgrund des Titels da nicht ganz unvoreingenommen ;) , aber auch so nistet sich das leichtfüßig klingende Stück schnell im Gehörgang, ja obwohl es eine relativ ruhige Ausstrahlung hat, auch durchaus im Tanzbein ein – mit den Daleks aus der Kult-Serie im Hinterkopf, sorgt der Text dieses Stückes für einige Grinser. Bei youtube ist es hier zu finden – nur leider in “Deutschland” – nicht anschaubar *räusper* ;) – gefolgt von “A Suicide” , das mit einer schweren, schneidenden Synthiefläche wesentlich düsterer daherkommt. Auch der Text hat es ziemlich in sich.

Nahtlos daran bricht “A Kiss” die depressive Stimmung wieder auf, da – laut dem Text – der Sänger es sich dann doch anders überlegt hat – was entsprechend flott untermalt wird. Stimmungsschwankungen die richtig Spaß machen. Ein Konzept das sich durch das ganze Album durchzieht. Stilmässig zwar eindeutig im Wave-Feld vorzufinden, schaffen es Dalek I aber dennoch einen recht eigenwilligen, speziellen Stil an den Tag zu legen der sicher erstmal gewöhnungsbedürftig ist. Ich hatte auch zwei Anläufe gebraucht bis mir diese irgendwie schräge, minimalistische Mixtur samt Alan Gills säuseliger Stimmlage gefallen mochte, inzwischen bin ich aber absolut überzeugt und begeistert.

Erwähnenswert ist sicher noch das Cover des legendären Rocksongs “You really got me” von den Kinks, dem man in der Version von “Dalek I” einen gewissen sarkastischen Unterton unterstellen möchte – ein kleiner Stinkefinger in Richtung des Rock and Rolls ausgestreckt – ganz der Punk eben.

Zum Abschluß des Albums fasst “Missing 15 Minutes” – das längste Stück – nochmal das ganze Album stilmässig zusammen.

Obwohl dieses gute Kritiken einheimste, blieb es kommerziell kaum erfolgreich. So wurde das Projekt schnell vorerst eingestellt. Zunächst blieb Alan Gill als einziges Bandmitglied übrig und schloß sich dann ebenfalls den Teardrop Explodes an, nachdem Julian Cope den Gitarristen rauswarf. Dort schrieb er mit an dem Song “Reward” welcher es in die Top 10 der UK Charts schaffte. Alan Gill verlies die Teardrop Explodes jedoch wieder um daraufhin unter dem vollen Bandnamen “Dalek I love you” seinen eigenen musikalischen Plänen weiter nachzugehen. So erschien am 28. Februar 1981 die Single “Heartbeat” mit der B-Seite “Astronauts” bei Phonogram.

Ein stilistischer Wendepunkt, der eher trashige, schräge Sound wich eingängigeren Synthpop-Melodien – eine Richtung die im folgenden beibehalten wurde, als 1982 die Band zu einem Quartett anwuchs und die zweite Single , diesmal beim Label Korova – herausbrachte: “Holiday in Disneyland”, gefolgt vom tanztauglichen “Ambition in 1983. Beide Stücke erschienen schließlich auf dem zweiten Album “Dalek I Love You: Dalek I Love You”.

Mit “Horrorscope” brachte die Band im gleichen Jahr eine letzte Single heraus – obwohl das zweite Album ein kommerzieller Erfolg war, Alan Gill äusserte sich jedoch daß er darin nicht weiter involviert werden wollte – so wurde “Dalek I love you” ein weiteres Mal auf Eis gelegt.

1985 gründete Alan Gill sein eigenes Label – Bopadub – um darauf Complations auf Kassette zu veröffentlichen, dort erschien im gleichen Jahr auch das Dalek I – Album “Naive” das mit insgesamt 25 Stücken aufwartet. Wieder ein wenig weg von den poppigen Tanz-Sounds, aber auch ohne den kratzbürstigen Charme der frühen Werke. Das ist irgendwie zwar schade, trotzdem mag ich das Album sehr gerne, es ist sehr emperimentierfreudig in verschiedenste Richtungen, bedient sich stellenweise bei Weltmusik aus aller Herren Länder, klingt mal folkig, mal mehr synthielastiger,  mal sind die Wave-Wurzen deutlich zu hören, dann wieder weit davon entfernt. Im Grundton ein sehr ruhiges Album das man so kaum wirklich richtig beschreiben kann sondern einfach mal selbst reinhören muss.

“Naive” erschien ausschließlich auf Kassette und ist heute legal im MP3-Format auf der (sehr spärlichen) Homepage von “Dalek I love you” runterladbar: http://www.dalekiloveyou.com/naive.htm

Wer jetzt noch nicht genug hat, kann die Bandhistorie auf der folgenden Seite nochmal haarklein im Detail nachlesen (auf englisch): http://robinparmar.com/dalek-i-love-you.html

1: http://www.serienjunkies.de/news/doctor-who-deutschland-kein-ort-31751.html

2: wer sich detaillierter über Doctor Who und dessen Geschichte informieren mag, kann das hier tun: http://en.wikipedia.org/wiki/Doctor_Who

Bildnachweis Dalek: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Dalek_%28Dr_Who%29.jpg

http://www.dalekiloveyou.com

http://robinparmar.com/dalek-i-love-you.html

Rosas waviges Kaleidoskop #1: Ethereal Wave

Nicht nur heutzutage können die Subströmungen schwarzer Musikrichtungen bisweilen sehr verwirrend sein, auch in den Anfangstagen des Wave und Postpunk war die musikalische Landschaft durchaus schon breit gefächert.
So ist und bleibt der Oberbegriff “Wave” im Prinzip auch ein Begriff für weitläufige Nuancen der Sache – mit einem Bein im experimentellen Underground, mit dem anderen schon im Pop.

Mit solchen Unterkategorisierungen gibt es natürlich auch das Problem daß sich damals natürlich keiner hingesetzt hat, sich aus einer Auflistung dieser Begriffe einen ausgesucht hat und beschlossen hat eben diesen Stil in seiner Musik aufzunehmen, es gab Entwicklungen und Überschneidungen in viele Richtungen, ein Großteil der Bands kann nicht exakt in eine Unterschublade einsortiert werden – auch eben weil diese Kategorien wieder einmal nachträglich gebastelt wurden um dem Ding einen Namen zu geben.

Wie weit das Feld “Wave” tatsächlich ist möchte ich versuchen in dieser neuen musikalischen Kategorie auszuloten, Informationen weitergeben und Lücken in meinem Musikwissen finden und möglichst stopfen – und stellenweise wird es mich deprimieren weil der CD-Wunschliste garantiert der eine oder andere Silberling hinzu kommen wird – und die Liste ist so schon nahezu endlos ;)

Das erste Kapitel führt uns zur romantischen Seite des Wave ;)

Kapitel 1: Ethereal Wave / Heavenly Voices

Ethereal Wave – auch als “”Ethereal”, “Ethereal Goth” und “Ethereal Darkwave” bezeichnet, ist eine Subströmung des Wave die Ende der 80er bis Anfang der 1990er populär wurde.

Doch die Wurzeln haben viele spätere Ethereal-Bands bereits in den frühen 80ern, einige davon experimentierten auch zu der Zeit bereits mit solchen Klanglandschaften, die Hochzeit dieser Spielart war aber erst in den 90ern.

Charakteristisch für Ethereal sind meist atmosphärisch eingesetzte Gitarrenklänge (die aber dennoch meist unverkennbar Wave sind), dazu experimentelle Synthie-Klangteppiche die den Sound fast Filmmusik-artig unterstreichen, sowie überwiegend weibliche Sängerinnen. Ausgebildete Singstimmen sind nicht selten, es dominiert glasklarer, mystisch-verklärt anmutender Gesang oder sehr aussergewöhnliche, markante Stimmen.

Eng verwandte Genres sind Dreampop und Shoegaze, letzteres erhielt seine Bezeichnung durch einen ironischen Kommentar der – wieder mal – britischen Musikpresse, die den Künstlern vorwarf, auf der Bühne lediglich verschüchtert auf die eigenen Schuhspitzen zu starren – wer denkt da nicht unwillkürlich an den Grufti der weggetreten den Nord-Süd-Kurs auf der Tanzfläche antritt, um “die Musik so richtig schön in sich reinkriechen zu lassen” ;)

Weitere Querverweise die vom Ethereal Wave ausgehen sind Neofolk, Neoklassik,  Industrial – im Sinne von ambient-lastigen Sounduntermalungen die wieder ihre Urpsrünge in der Industrial Culture haben. Auch “New Age – Musik” wird als verwandt genannt – und neben dem athmosphärischen Synthie-Einsatz experimentiert man auch mit Musikformen aus Mittelalter und Renaissance sowie den Klängen aus anderen Kulturen wie Afrika, Arabien, Indien und Asien und vereint diese mit dem Wave-Sound.

Während der Industrial großen Einfluß auf Filmmusik gemacht hat (einige Künstler komponierten später für Film und Fernsehen, zB Chris Carter von Throbbing Gristle) waren auch Künstler aus den Ethereal-Reihen später gelegentlich für Filme tätig – hier mehr im Stile epischer, bombastischer Sounds a la “Herr der Ringe” – zB In The Nursery.

im deutschen Sprachgebrauch ist die Bezeichnung “Heavenly Voices” – in Anspielung auf die grandiosen Singstimmen der Sängerinnen (und ab und an auch mal Sänger ;) ) die eben typisch für diese Spielart des Wave sind. Hierzulande hält sich dieser Begriff durch die 90er ziemlich hartnäckig – und genauso habe ich diese Sparte der Dunkelmusik auch kennengelernt – auch wenn sie strenggenommen falsch ist.

Diese Bezeichnung geht auf eine 5-teilige Compilation zurück die ebenso hieß und zwischen 1993 und 1998 erschien. Herausgeber dieser Compilation war ein deutsches Independent-Label namens “Hyperium Records”, welches Alben Wegweisender Künstler dieses Subgenres herausbrachte – die Liste der Bands ist dabei beachtlich.
Gründer des Labels sind Oli Roesch und Oliver van Essenberg, Geschätssitz in Nürnberg (netter Zufall ;) ).

Auf den Samplern waren Bands aus den Genres Ethereal, Neoklassik, Neofolk, Folk, Pop, Alternative Rock, Trip Hop, Weltmusik, New Age und zuletzt auch Metal vertreten. Alle mit klanglich ähnlichem Konzept, aber nicht einheitlich nur Ethereal Wave – was freilich auch den besagten fließenden Überschneidungen und Weiterentwicklungen in den 90er Jahren geschuldet ist. Diese Bezeichnung wurde deswegen auch kritisiert – besonders auch weil Metal von anderer musikalischer Richtung her kommt und mit dem “Wave” in “Ethereal” freilich nichts zu tun hat.

Bands wie Faith and the Muse, Miranda Sex Garden, Attrition, Ataraxia, sToa, Die Form, Kirlian Camera, Collection D’Arnell Andrea und später auch QNTAL waren auf der “Heavenly Voices”-Compilation vertreten und boten die musikalische Heimat für die Endzeitomantiker der 90er Jahre. Und die Schwarzromantiker heute stehen in deren Tradition, auch wenn die Zeiten sich seitdem wieder einmal verändert haben.

1999 geht Hyperium Records bankrott, viele der “alten” Künstler sind aber auch heute noch aktiv, manche sogar szeneintern recht bekannt wie zB Faith and the Muse und Dead Can Dance.
Aber auch auf einem anderen Kult-Label – 4AD – gab es recht viele Ethereal Künstler zu finden, bzw nach dem Aus von Hyperium Records erschienend ie Alben vieler Künstler auf 4AD. Das Label, welches im Jahre 1979 gegründet wurde, ist auch heute noch “im Geschäft”.

Die Liste der Bands die man zum Ethereal Wave zählen kann ist groß, stellvertretend stelle ich ein paar hier kurz und exemplarisch vor. Persönliche Vorlieben spielen dabei offengestanden aber die größere Rolle ;)

Dead Can Dance

Vielleicht *die* Szenegröße im Ethereal-Bereich. Die Ausnahme-Kapelle um Brendan Perry und Lisa Gerrard wird 1980 in Australien gegründet, musikalisch orientiert man sich zunächst an Wave- und Postpunk-Klängen, im Laufe der Zeit nehmen aber die Einflüsse aus unterschiedlichsten Kulturkreisen zu – vornehmlich aus dem arabischen Raum – die Band wird um Musiker aus entsprechenden Ländern ergänzt. Dead Can Dance können ebenso dem genre “Weltmusik” zugeordnet werden, eben wegen dieser Einflüsse – letztenendes ist und bleibt das Projekt irgendwo eine Sparte für sich welche einzigartig ist. Zu dem genialen Musik-Crossover gesellt sich Lisa Gerrards charakteristische Stimme und ihre Fähigkeit des lautmalerischen Gesangs.

Auf der offiziellen Webpräsenz kann man kostenfrei die neuesten Werke in Form einer EP herunterladen: http://www.deadcandance.com/

sToa

sToa wurde 1991 von Oliver Parusel und Conny Levrow gegründet. Das erste Stück – ebenfalls mit dem Titel “sToa” wurde bei Hyperium Records veröffentlicht, später auch das Album “Urthona, welches als wegweisend für den Ethereal-Sound gilt.Beide Gründungsmitglieder haben Ausbildungen in klassischer Musik, was maßgeblich bei “sToa” eingeflossen ist.
Inhaltlich dreht sich sToas Werk um philosophische und esoterische Themen, musikalisch sind auch hier Einflüsse orientalischer Kulturen vorhanden.
Live ist die Band auch mehr als empfehlenswert – wer sich darauf einlässt wird mit einem nachdenklichen, ruhigen und beeindruckendem Erlebnis belohnt.

Collection d’Arnell Andréa

1986 gründeten Pascal Andréa und Chloé St Liphard die Band in Orléans, Frankreich. Andréa verlässt kurz nach der Gründung die Band, sein Name bleibt aber bis heute im Namen der Band.
Musiker mit traditioneller klassischer Ausbildung vervollständigen das Projekt, bei Live-Auftritten ist das Ensemble nicht selten groß. Wavige Klänge mischen sich zwischen Violinen und Chloés helle, klare Stimme. Eine Band die es mir seid dem Konzertbesuch zum WGT 2008 auch sehr angetan hat.

Hier die offizielle Homepage: http://cdaa.free.fr/

Myrna Loy

Über die Bonner Wave-Formation findet man im Netz nicht viel. Allzu bekannt scheinen sie heutzutage auch nicht mehr zu sein, was aber eine echte Schande ist, da diese Kapelle wirklich Spitzenklasse war und immernoch ist.
Ich bin ganz stolz, alle drei je erschienenen Scheiben im Regal stehen zu haben.
Aktiv war diese Band Anfang der 90er, stilmässig sind die Arrangements teilweise sehr experimentell, oft unverkennbar mit wavigen Wurzeln, und die Stimme der Sängerin, des Sängers, Victor, ist enorm einprägsam. Ebenfalls eine Kapelle die eigentlich eine ganz eigene Kategorie für sich darstellt.
Aktiv war die Band von 1887 – 1994. Kritiker bezeichneten die Band als eine der Innovativsten in Deutschland damals. Der Meinung bin ich durchaus auch :)

Nachtrag: Danke an Serapion für das Richtigstellen, daß hier keine Sängerin am Werk war, sondern tatsächlich ein Sänger – ich wusste es nicht und war mir sicher, eine Dame herauszuhören :) – der Umstand aber macht diese Band meiner Meinung sogar noch beeindruckender!

Cocteau Twins:

Zitat Wikipedia:

Die Cocteau Twins wurden 1980 in Grangemouth, Schottland, gegründet. Die Namensgebung geht auf einen frühen Song der schottischen New Wave-Band Simple Minds zurück, der in leicht veränderter Form als No Cure auf deren Debütalbum Life in a Day (1979) zu hören ist.

Die Cocteau Twins gelten als die “Erfinder” des Ethereal, in ihrer frühen Laufbahn waren sie mit Bands wie OMD ( <3 ) und This Mortal Coil auf der Bühne. Auch deren Alben erschienen danach auf dem Kultlabel 4AD.
Robin Guthrie und Liz Fraser arbeiteten für letztgenannte Band an dem Tim Buckley Cover "Song for the Siren", das im Soundtrack des Filmes "Lost Highway" von David Lynch zu hören war. Es wurde auch unter dem Bandnamen “This Mortal Coil” (Album “It’ll End in Tears”, 1984) herausgegeben – nicht unter “Cocteau Twins” – wie ich fälschlicherweise vorher an dieser Stelle behauptet hatte ;) – das Projekt des 4AD Labelchefs hatte zeitlebens wechselnde Bandmitglieder und Gastmusiker die sich auch im Ethereal-Bereich mit ihren eigenen Projekten aufhielten.

Ein Wendepunkt stellt das Stück “Blue Bell Knoll” dar, bei dem vermehrt auf elektronische Verfremdung, insbesondere der Gitarre, wert gelegt wird. Das Ergebnis ist meiner Meinung nach wunderschön, avantgardistisch und zeigt den Brückenschlag zwischen Schwarzromantik und Punk-Wurzeln durchaus.

Wie bereits gesagt – es gibt viele bemerkenswerte Bands aus dieser Subsparte, für alle ist hier natürlich kein Platz. Ich hoffe aber die Auswahl war abwechslungsreich und dennoch bezeichnend für ein Wave-Subgenre das durchaus großen Einfluß hatte.

Quellen:
http://en.wikipedia.org/wiki/Hyperium_Records
http://de.wikipedia.org/wiki/Shoegazing
http://en.wikipedia.org/wiki/Ethereal_Wave
http://www.lastfm.de/music/Myrna+Loy
http://de.wikipedia.org/wiki/Cocteau_Twins

Bildnachweis: http://en.wikipedia.org/wiki/File:Hyperium_Records.png

Unknown Pleasures – Peter Hook in Nürnberg

Ob man an “Zufälle” glauben mag oder nicht sei jedem selbst überlassen, Tatsache aber ist daß manche Ereignisse sich so glücklich ergeben daß man in wortwörtlich “ungläubiges” Staunen verfällt.

So geschehen Anfang Februar. Von der Modeschule aus hatten wir die Gelegenheit, am 9. Februar in Fürth an einem Symposium für textile Innovationen teilzunehmen. Frau verhinderter Ingenieur war natürlich gleich begeistert und meldete sich an ;)
Kurz darauf stolperte ich über die Ankündigung daß in Nürnberg am Abend davor Peter Hook – ehemaliger Bassist bei Joy Division – in Nürnberg spielen würde. Im Gepäck: ausschließlich alte Songs der Postpunk-Legenden.
Ich habe zigmal das Datum nachsehen müssen um zu glauben daß beide Veranstaltungen so praktisch beieinander liegen, und ohne fahrbaren Untersatz war die Anreise per Zug am Abend zuvor sowieso notwendig.
Ein guter Freund, Chris, lies sich auch schnell begeistern und ich hatte damit auch einen Schlafplatz in Nürnberg sicher ;)

In Nürnberg am Bahnhof endlich angekommen, gegen kurz nach 18:15 Uhr trennten sich die Wege der Mädels die ebenfalls das Symposium besuchen wollten und mir – kurze Suchpause im Gewirr des nürnberger Bahnhofes, dann fanden Chris und ich uns. Im Vorbeigehen noch eine belegte Semmel ergattert und im Auto damit etwas gegen den knurrenden Magen getan der seit 10:00 Uhr nichts festes mehr gesehen hatte.
Wir sammelten Andy Ghoul – einen weiteren Bekannten – auf und machten uns dann auf den Weg zum Hirsch – den Veranstaltungsort. Ich war heilfroh daß wir früher aus Naila abhauen konnten, eine Stunde später anzukommen hätte uns in arge Zeitprobleme versetzt, so war es zeitlich eine Punktlandung.

Vor dem Hirsch dann noch kurz die Schuhe gewechselt – statt der bestöckelten, warmen Winterstiefel rein in die Pikes die von den satten Minusgraden inzwischen gut durchgekühlt waren – teils geschuldet gruftiger Eitelkeit, teils auch der Tatsache daß meine Füße schon Einwände gegen die Stiefel hervorzubringen wussten.

Das Hirsch ist in Nürnberg eine bekannte Örtlichkeit für Konzerte aller Art, aber auch für Parties. Ich war bisher noch nie dort, auch wenn ein-zwei Konzerte vorher schon mein Interesse geweckt hatten, es hat sich dann doch nie ergeben.
Ich hatte den Saal weit größer eingeschätzt und hatte mich schon darauf eingestellt irgendwo am Rand oder weiter hinten eingeklemmt zu werden – zum Glück erwies sich der Saal als überschaubar und die Besucherzahl war auch für meine Abneigung gegen Ölsardinenfeeling akzeptabel.

Die Besucherzahl war noch recht gering als wir kurz vor 19:30 eintrafen. Eine halbe Stunde später sollte das Konzert dann stattfinden. Erwartungsgemäß war der Altersdurchschnitt eher etwas höher, im Vorraum legten die Jungs von der “We Want Revenge” allerlei göttliche alte Wave-Schinken auf.

Peter Hook verzögerte ein wenig. Da noch immer nicht übertrieben viel los war – was mich verwunderte – war es ein Leichtes sich bis zum Bühnenrand vorzuwagen. Ich hatte wie gesagt ja schon damit abgeschloßen irgendwo abseits in Fluchtfreundlicher Position einen Platz ergattern zu können, aber nachdem sich die restlichen Anwesenden erstmal weiter hinten lose verteilten, hatte man vorne auch halbwegs Luft.
Andy machte mir dann seinen Platz am Zaun direkt vor der Bühne frei weil der Junge als großer, starker Totrocker ;) eindeutig ein paar Köpfe länger ist als ich – vielen Dank nochmals dafür <3

Dann wurde es irgendwie surreal – die Band spielte noch nicht, aber die Instrumente waren schon aufgebaut, alles in farbiges Licht getaucht. Dahinter, eine große Flagge mit dem Logo des "Unknown Pleasures" – Album – die charakteristischen Graphen welche ich hier mal näher auseinander genommen und erklärt habe (aber Robert ist schuld :P )

Auf einem großen, altmodischen Röhrenmonitor links der Bühne liefen alte Konzertmitschnitte von Joy Division, die Tonspur kam über die Lautsprecher gedämpft in den Zuschauerraum. Um einen herum, Schwarzgewandete. Buttons an Reverskrägen, Bandshirts. Das Gefühl gerade in eine Zeitreisemaschine geraten zu sein die einen anno 1980 wieder ausgespuckt haben muss.

Natürlich machte der Anfang des Konzertes dieses Gefühl wieder etwas zunichte, denn aus bekannten Gründen betrat natürlich nicht Ian Curtis die Bühne sondern Peter Hook, im hellgrauen T-Shirt mit dem “Closer”-Motiv über einem leichten Bauchansatz. 1980 ist eben doch schon ein Weilchen her …
Aber er legte sich durchaus ins Zeug – die Bässe kitzelten angenehm in der Magengegend, auch ohne die Originalbesetzung war es ein grandioses Gefühl diese alten Songs live erleben zu dürfen. Neben den Stücken des “Unknown Pleasures”-Albums, welche in Reihenfolge gespielt wurden, kamen die restlichen Klassiker ebenso zu Gehör.
Ein Zwischenrufer, der lautstark seinen Wunsch nach “Blue Monday” äusserte, erntete von Hook einen kommentarlosen Stinkefinger – was das Publikum zum Lachen brachte :D

Nach “I remember nothing” verließ die Band erstmal die Bühne. Das letzte Stück des “Unknown Pleasures”-Albums wurde live sehr beeindruckend interpretiert, statt der industriell anmutenden Samples der Albumversion verdösknaddelten Peter Hook und sein Bassist ihre E-Klampfen auf eine Weise die den Instrumenten Töne entlockten, die fast körperlich weh taten – ziemlich genial!

Begeisterungsrufe entlockten aber hauptsächlich die bekannten Songs – “Shadowplay”, “She’s lost control”, “Transmission” – und als allerletztes Stück natürlich “Love will tear us apart”

Zu den letzten Akkorden schälte sich Peter Hook aus dem inzwischen schon gut durchgeschwitzen Shirt und warf es in die Menge. Ärgerlicherweise landete es etliche Meter hinter mir ;) – als wir mit den restlichen Besuchern den Weg gen Ausgang antraten, stand die glückliche Fängerin nebst ihrem Mann noch immer wie angewurzelt an ihrem Platz.
Chris beäugte das Shirt das sie zusammengeknüllt festhielt – “guck mal, der hat auch schon ganz neidisch drauf geschaut!” meinte sie daraufhin zu ihrem Begleiter.

Ich muss gestehen, kein Konzert das ich bisher gesehen habe war gefühlt so schnell vorbei. Und das Phänomen spricht natürlich eindeutig für die Show. Es war toll – auch wenn es natürlich in dem Sinne kein echtes Joy Division Konzert war – mit Peter Hook als das einzige ursprüngliche Mitglied der Band.
Die Tour mit diesem Programm jedoch soll nicht nur an Ian Curtis erinnern, die Band spendet auch einen Teil der Einnahmen an Einrichtungen für die Behandlung psychisch kranker Menschen in England.

In der Vorhalle drangen nun wieder Depeche Mode und The Cure in gedämpfter Lautstärke aus den Lautsprechern. Ich holte mir noch ein Glas Wein zum Abschluß des Abends. Eindrücke Revue passieren lassen, ein wenig quatschen, innerlich noch ein paarmal den Kopf schütteln daß der Zufall es möglich gemacht hat daß ich das Konzert tatsächlich sehen konnte.

Dann ein zeitiges Ende des Abends – immerhin fand das Konzert mitten unter der Woche statt, aber es hat sich absolut gelohnt.

Am nächsten morgen stand ich dann mit Nadelstreifengehrock und hochgesteckter Mähne in der fürther Stadthalle – ein kleiner Kulturschock für die Mädels die mich am Abend zuvor noch ganz anders zurückgelassen haben ;)

Dank für die Konzertimpressionen geht an Andy – ich habe leider meine Kamera wieder mal vergessen.

Musikalische Ausgrabungen: Gazelle Twin

Da sag doch mal einer, gute, finstere Musik gäbe es heutzutage nicht mehr – tatsächlich wird diese aber mehr vom massentauglichen Schrott überrollt der sich auch schon längst in die schwarzen Refugien eingeschlichen hat.
Umso schöner ist es natürlich wenn man hie und da auf qualitativ hochwertige Projekte stößt.

Diese “Fundsache” drang dank Alwa via Facebook an meine Ohren und hat sich da sofort hineingebohrt.

Hinter “Gazelle Twin” verbirgt sich Elizabeth Walling – im wahrsten Sinne des Wortes, denn die Solokünstlerin verbirgt sich gerne hinter surrealistisch anmutenden Gewändern.
Dabei gibt sie auf ihrer offiziellen Homepage einerseits an, ihre natürliche Schüchternheit wäre ein Grund – aber nicht der einzige. Ebenso sieht sie dies als künstlerisches Mittel bei Auftritten und Videos, sie wolle kein “Alter Ego” präsentieren, sondern Auseinandersetzung mit sich selbst und der Menschheit im Allgemeinen.
Dazu gesellt sich eine Abneigung, als Frau – gemäß medienbeeinflußter Klischees – ständig willig, leichtbekleidet und verfügbar auftreten zu “müssen” – auch in der Szene ist der Trend zu wenig Textil oft schon auf einem unterirdischen Niveau.

Walling explains, “that most female artists face a minimum requirement to appear sexually available… not that sex is wrong, but there’s so much more to a person’s character isn’t there?”

Dabei wird man das Gefühl nicht los als Stelle sie ihre Zugehörigkeit zur menschlichen Rasse in Frage – auch der Bandname “Gazelle Twin” ist ein Hinweis darauf. Daneben sind Spiritualität und Schamanismus eine Inspirationsquelle – zusammen mit den scheinbaren gegensätzen der modernen Großstadt.

Einen großen Teil dieser Denkansätze kommen mir bekannt vor, und deswegen finde ich das Projekt nicht nur musikalisch interessant, sondern auch die Künstlerin dahinter – sofern man das aus einem eher kurzen biographischen Text objektiv genug schließen kann.

Schwenken wir zum musiklaischen Teil über: Gazelle Twin ist relativ ruhig, minimalistisch-elektronisch, Elizabeth’s Stimme ebenso eher minimalistisch denn pompös, aber es passt zum Gesamtkonzept. Synthieklänge bohren sich schwer in den Gehörgang, laden aber auch zum Davonschweben ein. “The Entire City” kam im Juli 2011 heraus, und der Silberling ist aktuell auf dem Weg zu mir :)
Kopfkinomusik.

Tatsächlich zeigt sich die Künstlerin stark beeinflußt von Film-Musik – dabei nimmt Science Fiction und Cyberpunk einen großen Teil als Inspirationsquelle ein.

Ich bin selbstredend hin und weg von *diesem* Gesamtkonzept* :)

Mehr will ich dazu nicht sagen – das Album könnt ihr euch als Stream auf der Homepage von Gazelle Twin anhören:

Gazelle Twin – The Entire City

Ich finde es rundweg sehr schön, Höhepunkte sind auf jeden Fall “I am shell, I am bone”:

Und “Men Like gods” :

Weiterführende Links: offizielle Page: http://gazelletwin.com

Blog: http://iamshelliambone.wordpress.com/ <- der ist im Übrigen sehr lesenswert :)

Butoh – der Tanz der Finsternis

Tanz ist nicht nur ein netter Sport sondern ein ganz besonderes Ausdrucksmedium. Hier wird der Mensch nicht nur Künstler sondern Kunstwerk selbst, er setzt seinen Körper ein um sich mitzuteilen. Nonverbale Kommunikation die mit Gewändern und Make-Up betont werden kann – einerseits durch besonders viel aber auch durch besonders wenig.

Tanz begleitet mich seid ich 11 bin, da habe ich mit Ballett angefangen. Klar, ein typischer Kleinmädchentraum, das muss ich zugeben ;) doch Tanz ist eben mehr als das. Heute finde ich schnurzklassiche Bühnenstücke zwar vom technischen Standpunkt interessant, wirklich faszinierend finde ich mehr moderne Ausdruckstanz-Formen.

Der moderne Tanz – als Kunstform auf der Bühne – hat seinen Ursprung bei Pionieren wie Mary Wigman – im deutschen Expressionismus.

Dieser neue Ausdruckstanz bahnte sich nach dem zweiten Weltkrieg seinen Weg in die japanische Kunst. Tatsumi Hijikata und Ōno Kazuo griffen diese Wurzeln auf und erfanden “Ankoku Buto” – den “Tanz der Finsternis” – wie die Langform von “Butoh” übersetzt lautet.

Der Ausdruck lässt schon erahnen worum es inhaltlich beim Butoh hauptsächlich geht: menschliche Abgründe, Angst, Verzweiflung, Trauer, Tod, sexuelle Absonderlichkeiten. Themen die gesellschaftlich wenig Akzeptanz finden.

Besonders in den 60er Jahren erlebte Butoh seine Blütezeit, im Fahrwasser des anti-amerikanischen Protestes in Japan.
Wo Butoh zunächst als Protest gegen die steife, traditionelle Geisteshaltung der japanischen Gesellschaft stand und gegen die ebenso starren Normen japanischer Tanzformen rebellierte die all das ausdrückten, wurde Butoh später auch Ausdruck des Widerstandes gegen die Amerikanisierung der japanischen Kultur.
Butoh hat keine Regeln und folgt keinen starren Choreographien, Mittelpunkt ist der Ausdruck – oft von Tabuthemen wie Tod, Trauer, Irrsinn, menschlichen Abgründen. Butoh ist aber auch ritueller Tanz in Anlehnung an schamanistische Praktiken, archaisch, primitiv – denn der Tod bringt auch neues leben und einen neuen Anfang hervor – ein Ansatz den viele spirituelle Richtungen zeigen, egal ob sie alt oder neu sind.

Im Jahre 1959 sollte das erste Butoh-Bühnenstück vor Publikum uraufgeführt werden – “Hijikatas Kinjiki” – thematisch drehte sich die Handlung um Homosexualität, zudem sollte auf der Bühne ein Huhn umgebracht werden. Die Vorstellung fand nie statt – ob die Japaner am Tod des Huhnes oder der homosexuellen Thematik Anstoß nahmen liegt im Dunklen.

Der Tänzer will den Zuschauer nicht unterhalten, er kommuniziert mit ihm durch Körpersprache. Ganz in sich versunken bewegt er sich tranceartig, verkrampft, grotesk. Langsam. Unwirklich. Die Ästhetik ist hier mehr suf der Seite dessen was allgemein als “hässlich” empfunden wird. Kahle Körper, androgyne Erscheinung bis zum Crossdressing, schmerzhaft aussehnde Grimassen und Verkrampfungen, weißes Make-Up.

Auch die Grenzen zwischen biologischen Geschlechtern werden hier verwischt da die Tänzer oft geschlechtslos auftreten.


Vielleicht klingelt es bei einigen die es nicht eh schon wussten – schaut doch schwer nach Sopor Aeternus bzw Anna-Verney Cantodea aus?

Richtig.

Er/Sie ist selbst Butoh-Tänzer und hat in ihrem/seinen Werk sehr viel Butoh-Ästhetik übernommen. Angefangen vom Erscheinungsbild über die grotesken Artworks, die Bewegungen (auch wenn er/sie bekanntlich nicht auftritt) – gemsicht mit mittelalterlichen Einflüssen, victorianischer Schauerästhetik in feiner Tradition der schwarzen Romantik – und Wave. Ja, wirklich! Gerade die ersten Werke sind noch sehr deutlich wave-lastig und auch wenn sich Legenden um ihr/sein Alter ranken, so bekommt man stellenweise immer wieder Hinweise darauf daß er/sie in der schwarzen Wave-Szene aufgewachsen sein muss und von da aus einen ganz eigenen Schritt unternommen hat. Stellenweise hört man die Wurzeln aus der Musik auch noch deutlich heraus

Natürlich fasziniert mich Anna-Varney genauso wie viele andere Schwarz- und Endzeitromantiker.
Aber auch der Hintergrund mit dem Butoh-Tanz allein ist eine spannende Sache die vom Aspekt der Kunst her schon für sich genommen sehr “gruftig” ist.
Ich bin jetzt niemand der für den Japan-Hype allzu viel übrig hat. Wenn man den ganzen bonbonbunten Kram a la Lolita und Visual K mal wegschiebt bietet aber auch diese Kultur sehr faszinierende Aspekte die weiter gehen als Mode und Trends und sogar tatsächlich ins schwarze Bild passen.

Ich habe zwar viel Tanz betrieben und bin – nicht nur deswegen – auf Veranstaltungen auch ziemlicher Ausdruckstänzer, mit Butoh habe ich aber keine persönlichen Erfahrungen.
Ich kann aber bestätigen daß die grotesken, langsamen Bewegungen der Butoh-Tänzer, auch wen sie erstmal komisch aussehen mögen, enorme Körperbeherrschung und Kraft erfordern. Man sieht das am drahtigen Körperbau ja auch ganz gut. Zudem kommt die Fähigkeit sich emotional auch noch so reinzusteigern – ich werde auch das Gefühl nicht los daß der “Danse de la terre” von Rosa Crux auch maßgeblich vom Butoh beeinflußt ist ;)

Musikalische Ausgrabungen: Darklily

Der Zufall ist schuld, hat er mich doch ganz unverhofft – so wie es einem anständigen Zufall eben zu Eigen ist – mit einer musikalischen Neuentdeckung überrascht die sich sofort angenehm in meinem Gehörgang festgesetzt hat.
Darauf gestoßen bin ich auf Youtube, als Untermalung eines WGT-Videos – und selbst danach hatte ich eigentlich nicht mal gesucht. Die Tatsache daß bei den ersten Tönen die Haare auf dem Arm schon um den berühmten Stehplatz streiten wollten, lies den Schluß zu das da etwas wirklich feines aus den Lautsprechern dringt.

“Darklily” heißt das Ein-Mann und Ein-Frau Projekt aus England. Zugegeben, der Bandname klingt erstmal wenig qualitätsverheißend, doch wird die Band dem Eindruck bei Weitem nicht gerecht. Das Konzept der Band wird sicher bei der schwarzromantischen Fraktion auf offene Ohren stoßen – aber bestimmt nicht ausschließlich ;)

Laut der an sich recht informations-kargen Band-Homepage wurde die Idee für die Band im Jahre 2005 geboren, als Inspirationsquellen werden verlassene Orte, vergangene Epochen – insbesondere das 19. Jahrhundert, Aberglauben, Magie, Legenden, Träume und Alpträume genannt. Sprich – alles was eine Gothic Novel des 19. Jahrhunderts auch auszeichnet.

Das Debutalbum erschien im Januar 2010 und taucht mit 10 Titeln in die Schauergeschichten des victorianischen Zeitalters ab, dabei sind die Stücke durchweg sehr ruhig gehalten, Musik die das Kopfkino anwirft und am besten bei Kerzenschein und einem guten Glas Wein genossen werden sollte. Ein wenig verspielt, aber immer mit einem schaurigen Unterton.
Dabei klingt neben akustischen Klavierpassagen Vyolette Svanas klare Stimme, aber auch schneidende Synthesizer-Passagen gewürzt mit industriellen Klangsamples knarrender Türen und verfallener Bodendielen, sowie Geräusche aus der Natur.

“Illusia” wird von dem sehr dunkelambientigen “Transverse” eröffnet, das ich für das stärkste Stück des Albums halte, schwer und finster kriecht es lauernd auf einen zu, der Synthesizer-Einsatz ist perfekt und bietet der weichen Stimme von Vyolette einen eiskalten Konterpart, auch das Video, das mit Ausschnitten aus Stummfilmen untermalt ist, unterstreicht das Konzept perfekt:

Danach folgt mit “Mechanival Canaries” ein Akustik-Stück das schwermütig dem Titel durchaus gerecht wird.

Über dem dritten Stück namens “Golgotha” schwebt wiederum ein erdrückender Synthie-Sound, der Text besingt ein verheerendes Minenungluck das 1862 im englischen New Hartley stattfand.

Etwas verspielter scheint danach im Walzertakt “Rosetti’s Passion” – der Text jedoch erzählt die Geschichte von der offenbar unschuldig-jungen Janey die vom Unterweltsgott Hades als seine Braut auserkoren wurde. Text wie Musik lassen die Fantasie anspringen und die Lücken füllen die dem eigenen Kopfkino durch text und Musik freigelassen wurden.

Das fünfte Stück vertont ein Gedicht des britischen Autors Percy Bssyhe Shelley, ebenfalls ein Zeitgenosse des 19. Jahrhunderts. “Fierce roars the midnight storms” – Nebel, Kälte, Tristesse und ein sterbendes Mädchen. Genauso kalt schneidet hier der Synthie wieder durch die Melodie.

“Mary Celeste” erzählt die bis heute ungeklärte Geschichte des Schiffes “Mary Celeste”, welches 1872 verlassen im Atlantik treibend aufgefunden wurde. Das Schiff gilt heute als eines der berühmtesten Geisterschiffe. Musikalisch kann man förmlich nachfühlen wie das Schiff von Nebeln ümwölkt im Meer langsam vor sich hintreibt.

Danach folgt “Faery Spell”, welches von der Legende des “Kleinen Volkes” erzählt, das mit den Menschen nicht ungern Schabernack treibt und diese gerne in die Anderswelt entführen, wenn sie sich von ihnen in den Schlaf singen lassen. Vyolette stimmt dazu einen verzaubernden Sprechgesang zu filmmusik-anmutenden Klängen an.

“Gathering in the Barrow” scheint die Geschichte passend fortzusetzen, das eher kurze Stück spielt mit Samples die an eine verwunschene Sommerwiese erinnern.

Auch daran schließt sich nahtlos das Stück “Insect Tea Party” an, das wieder vollkommen akustisch ist und von leisen Klaviertönen mit athmosphärischen Streichern lebt bei denen die Assoziation zu den Krabbelviechern auch ohne viel Synthie-Einsatz gut rüberkommt.

Den Abschluss bietet das wieder eindringlichere Stück “Crepuscular” das sich schon weit im Ritual-Genre bewegt. Nicht nur erinnert der Text an ein Ritual, auch die Musik ist dunkel-brodelnd, der Rhythmus ist archaisch und steigert sich immer weiter, Vyolettes mehr geflüsterter denn gesungener Text unterstreicht das Ganze perfekt.

Das Album gibt es auf der Homepage der Band kostenfrei als Download, aber auch als CD-Version für nicht mal viel Geld – leider reißt das Porto den Preis wieder auf normale CD-Preise hoch. Ich jedenfalls werde mir die Scheibe im Original besorgen :) ich bin von dem neuen Projekt wirklich begeistert und bin demnach auch gespannt auf mehr.

Neben der offiziellen Page, die man über unten stehendes Banner auch erreicht, findet man Darklily auch auf Myspace: http://www.myspace.com/darklilymusic

Darklily

Viel Freude mit damit und erzählt es allen weiter die sich für sowas begeistern können :)

Rosas WGT Band-Neuentdeckungen 2011

Wieder einmal ist das WGT Geschichte. Wie jedes Jahr – kaum kommt man an, ist es dann schon wieder vorbei. Trotzdem macht es immer wieder Freude sich durch die Bandbestätigungen zu graben – naja, nicht bei Allem macht es wirklich Freude ;) – aber es steckt doch jedes Jahr wieder wirklich großartiges drin das es sich zu entdecken lohnt.
Generell empfand ich die Bandauswahl in diesem Jahr als brilliant, doch da für mich die Treffen überwiegen sind mehr als 2-3 Konzerte irgendwie nicht drin. Bei manchen Konzert-Eindrücken ärgere ich mich offengestanden im Nachhinein schwärzer als ich eh schon bin ;), aber jetzt lässt sich da natürlich nichts mehr machen.

Vor dem WGT hatte ich eigentlich angefangen einen persönlichen Band-Check zusammenzuschreiben, doch zeitlich bin ich nicht ganz durch gekommen da es schon sehr viel Arbeit ist zumindest für sich die interessanten Dinge herauszusuchen. Da der Artikel aber schon angefangen war und doch einige Stunden drin steckten, wollte ich ihn an dieser Stelle zumindest in Form einer persönlichen Band-Neuentdeckungs-Empfehlung recyclen.

She’s All That:

http://www.myspace.com/67840

Hinter dem erstmal wenig sagenden Bandnamen verbirgt sich ein Projekt das einfach geil ist – herrlich minimalelektronisch, rotzig und animiert zum unkontrollierten Rumspringen. Die Jungs(?) in ihren grauen Space-Overalls und den Olle-Knacker Latexmasken gehen jedenfalls tierisch ab – Devo lässt grüßen, nicht nur wegen der herrlich-durchgeknallten Performance:

Auf der Homepage der selbsternannten “rüstigen Frontopa” heißt es da:

…, eine elektronische Provokation irgendwo zwischen Achtziger Retro und dem Dance Core des 21. Jahrhunderts. Schnarrige Maschinentöne, Sequenzer-Gequetsche, verzerrte Weltraumstimmen und Rock bis in den Staub – das alles ist She’s All That.

Dem lässt sich wenig hinzu fügen – anno 2010 kam das Debut-Album “Extra Fruity Disgusting” heraus, vorher hatte sich die Band mit dem Titel “Jabtac”, der mächtig nach prodigy-mässigem Elektropunk schreit, in das Gehör der MDR-Sputnik-Hörer gebohrt. einen gelungenen Spagat zwischen 80er-Electronica und Elektropunk bietet beispielsweise das Stück “Superkid” oder “Nic’s Fertilizer”. Ich jedenfalls bin begeistert – bitte MEHR!

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http://www.myspace.com/67840

Hey! Die haben nen DeLorean im Profilbild! Und dann noch DIESE Beschreibung:

“Eddie Bengtsson, John Foxx & Kraftwerk sitting in front of the Commodore64, playing Wizball and Last Ninja and enjoying the soundtracks… Some say, it sounds similar to the earlier OMD… others say, that someone has given a Gameboy to New Order… somewhere between there maybe. “

Erste Assoziation war dann auch S.P.O.C.K – völlig zu recht! Ich bin wieder einmal begeistert!

Gut, völlige Newcomer sind die Jungs nun offenbar nicht, der Bandname war mir vage auch schon ein Begriff, doch mal in Ruhe reinhören habe ich erst vor dem WGT geschafft – für mich persönlich also durchaus eine Neuentdeckung.
1999 formierte sich die Minimalelektronik-Formation als Zwei-Mann Projekt, 2001 erschien das erste Album.
Vom Hörgenuss passt das Ganze auch beim Selbstversuch nahtlos in die Synthiepop-Klangcollagen der frühen 80er. Hab ich schonmal erwähnt daß ich begeistert bin?

Passend gibts als Hörprobe den Titel “Schwarz” um die Ohren ;)

“Mathematics” schleppt sich mit klimpernden Synthies schwermütig in den Gehörgang und erweist mit dem Text eindeutigen Nerd-Charakter. “Circuits” kommt da schon fröhlicher daher und löst wieder den Rumspring-Faktor aus.

Nach so viel Elektronik gehts jetzt in etwas ruhigere Gefilde aus der Sparte Neoklassik bis Pagan Folk

Ich bin ein großer Fan von Matt Howden aka Sieben, leider war der Plan diesen genialen Musiker in diesem Jahr wieder live zu erleben zeitlich genauso wenig machbar wie eben auch andere Konzertpläne.
Vor Sieben hat heuer eine mir gänzlich unbekannte Künstlerin ihre Musik im Schauspielhaus präsentiert, da im Normalfall Ähnliches zusammen gesteckt wird habe ich hier einmal näher reingehört:

Jo Quail

http://www.joquail.co.uk/

Die klassich ausgebildete Musikerin tritt mit E-Cello und Loop Pedal an. Ähnlich wie Sieben baut sie solo mit Hilfe der Technik die live Sampels aufzeichnet welche danach in Schleife abgespielt werden können, Ebene für Ebene auf. Was dabei herauskommt klingt aber wieder völlig anders als Matt Howden. Ruhig, athmosphärisch-ambientig, kraftvoll, dicht bis hin zu dunkel und mysteriös. “Kopfkino-Musik” eben.

Auf youtube sind sonst leider kaum gute Videos zu finden, vom WGT Auftritt gibt es dieses hier, das – wie so oft – nicht unbedingt umwerfend in der Tonqualität ist, und gerade bei so ruhigen mehr neoklassik-lastigen Stücken fällt das meiner Meinung nach schon ins Gewicht.
Jedenfalls, auch die Musik dieser Künstlerin macht bei mir mächtig Lust auf mehr ;)

Der Samstag im Felsenkeller gab eine Menge Neofolk her. Tatsächlich habe dort an dem Tag auch meine einzigen beiden Konzerte mitbekommen. Wir waren jedoch nicht von Beginn an dort, deswegen habe ich

The Green Man

http://www.myspace.com/thegreenman

leider nicht gesehen. Die italiensche Neofolk-Band besteht seit 2004, war mir bis neulich aber offengestanden kein Begriff.

Der Bandname legt schon den Verdacht nahe, daß man sich inhaltlich wohl gern in esoterisch-okkulten Gefilden aufhält, der Blick auf die Band-Homepage bestätigt diesen Verdacht – komisch aber auch daß Neofolker da nicht selten Schlag für haben *kicher* – jedenfalls heißt es da, daß sich die Texte vorwiegend mit Gnostizimus, Alchemie und Mystizismus auseinandersetzen. Eine Prise Crowley darf dabei freilich auch nicht fehlen:

Sehr feierlich-rituell kommt auch “Final Journey” in der Ohrmuschel an. Als ruhiger aber doch eidnringlicher Ohrwurm hat sich “Sons of Dawn” bei mir eingenistet.

Auch diese Band werde ich ganz sicher weiter verfolgen und mich genüsslich durch Hörpoben hören.

Die letzten beiden bands im Felsenkeller waren Spiritual Front und ROME – keine Neuentdeckungen, ROME habe ich an die 4 mal inwzischen live gesehen und Spiritual Front ist zumindest von Konserve ein alter Bekannter.

In der Bandliste stecken sicher noch ein paar andere Neuentdeckungen, da ich nachträglich aber gerade keinen Nerv und Zeit habe mich nochmal durchzugraben, freue ich mich über die vier oben genannten und hoffe daß für den einen oder anderen Leser da auch etwas dabei ist was auf offene Ohren stößt ;) – das nächste WGT kommt bestimmt, und da freue ich mich schon auf weitere großartige Neuentdeckungen, unabhängig davon ob ich es zu dem Konzerten auch schaffe oder nicht.

Gothic Friday Juni – dein bestes Konzert – Rosa Crux

Eigentlich bin ich kein allzu intensiver Konzert- und Festivalgänger. Erstere habe ich am liebsten in einem kleinen, überschaubaren Rahmen und gut ausgewählt. Riesenkonzerthallen sind mir zuwider, das Gefühl zur menschlichen Sardine in der Masse zu verkommen treibt mir regelrecht den Angstschweiß auf die Stirn, das familiäre Gefühl eines kleinen, dafür sehr feinen Konzertes ist mir um Längen lieber, wie beispielsweise Jännerwein im März diesen Jahres oder im letzten Jahr das “Schön Dunkel”.

08/15 Festivals interssieren mich nur selten, meist bekommt man ja nur den schwarzen Mainstream-Einheitsbrei vorgesetzt und steckt den ganzen Tag über auf einem abgezäunten Gelände fest. Wenn dann das Wetter nicht mitmacht hat man kaum Rückzugschancen oder Alternativangebote. Anders beim WGT. Wer es mag findet da auch seinen schwarz angemalten Einheitsbrei, aber noch schöner sind Neuentdeckungen und Auftritte die in einem anderen Rahmen nur schwer zu sehen sind.

Eigentlich gab es auf jedem WGT mindestens ein Highlight-Konzert für mich – 2009 waren es Otto Dix, 2008 Sieben in der Krypta,letztes Jahr Attrition. 2007 gab es zwei super-Highlights, eines davon Coph Nia. Doch das zweite Konzert dieses WGTs sticht unter allen noch ein wenig mehr hervor:

Es ist Pfingstsamstag. Meine Begleiterin und ich sitzen im Cafe des Schauspielhauses da wir zeitig da waren um noch ein Plätzchen zu erwischen. Den Nachmittag verbrachte ich hauptsächlich beim Natron und Soda Treffen im Schillerpark – da habe ich meine Begleitung auch ganz spontan aufgesammelt. Über das Forum hatten wir schon Kontakt, die Dame wollte nach einem ausführlichen Schwätzchen eigentlich weiter zur Parkbühne, doch dann zog der Himmel zu und der scharf auffrischende Wind versprach Gewitterschauer – also entschied sie sich um und folgte mir. Über die Begleitung habe ich mich freilich gefreut, nicht nur weil ich sonst allein ins Schauspielhaus hätte gehen müssen, neben Nähfachsimpelei verkürzten wir uns die Wartezeit bis zum Konzert auch mit allerhand Philosogeschwafel um Goth, die Welt und Schwarz an sich.

Gegen 20:00 Uhr begann das Konzert das mich zutiefst beeindruckte – von der Band hatte ich im Vorjahr schon gehört – 2006 spielte sie schon einmal zum WGT – eigentlich vermeidet die WGT-Orga daß Bands zwei Jahre in Folge spielen, daß hier eine Ausnahme gemacht wurde war mein großes Glück.

Ein paar Lieder kannte ich im Vorfeld dann schon – dank alljährlichem Durchhören durch die Bandliste, und die die einen sowieso interessieren nimmt man ein wenig näher unter die Lupe. Doch was mich bei dem Konzert erwarten sollte wusste ich dann doch nicht so recht.

Auf der Bühne wuselten die Bandmitglieder zwischen reichlich skurrilen Musikgeräten herum – allen voran das gigantische Glockenspiel – und entzündeten ein Kerzenmeer das die Bühne fast wie eine Kirche wirken lies in der irgend ein völlig schräges Ritual abgehalten werden sollte – ich war entzückt!

Daß Rosa Crux mehr als “nur” eine Band sind wurde beim Auftakt schon klar – da kauerten sich zwei Tänzer an den vorderen Bühnenrand, mit bizarren Helmen bekleidet und Metallplatten an der Kleidung. Es stellte sich heraus daß die Tänzer mit ihrer Performance durch diese Platten ein Teil der Percussion wurden – jetzt war ich zutiefst fasziniert und höllisch gespannt auf mehr!

Danach begrüßte Olivier Tarabo die Menge auf englisch mit ausgeprägt französischem Akzent – und dann ging es so richtig los. BAM – die Percussion-Maschine welche aus mehreren Trommeln besteht, bewegte sich völlig ohne menschliche Bedienung und produzierte martialische Rhytmen, Oliviers schneidende Stimme ist extrem charakteristisch und passt ins archaisch wirkende Gesamtkonzept einfach perfekt – live bohrt sie sich derart in den Gehörgang – so richtig beschreiben kann man das alles nicht. Einen weiteren innerlichen Luftsprung machte ich als Claude energisch in die Tasten schlug mit denen das gewaltige Glockenspiel bedient wurde. Dazu liefen Videoprojektionen die das Arsenal der restlichen Performance-Installationen der Band zeigte – besonders eindrucksvoll: der runde Stahlkäfig in dem ein nackter Mann mehrere Male wie ein gigantisches Pendel gegen ein Stahlblech gedonnert wurde.
Die alte Homepage wartete mit weit mehr Hintergrundinformationen auf, aber ich erinnere mich noch an den Satz, man fand das Geräusch so toll daß das menschliche Pendel erzeugte (das Zitat von Olivier Tarabo taucht auf französisch aber bei untenstehendem Video nochmals auf) *g*

In der Videoprojektion zu “Omnes Qui Descendunt” war bereits der “Danse de la Terre” zu bestaunen, später warf ein gelblicher Scheinwerfer unversehens Licht auf das Tänzerpaar das sich, während das Publikum vom Geschehen noch gänzlich gefangen genommen war – hinter der Band auf ein Podest geschlichen hatte. Das live zu sehen setzte dem sowieso schon umwerfenden Konzerterlebnis das Sahnehäubchen auf.

Wirklich passend beschreiben kann man die Stimmung eines Rosa Crux Konzertes nicht. Es ist auf jeden Fall sehr intensiv, finster, morbide und einfach irgendwie ganz anders. Tatsächlich hat die Darbietung etwas von einem Ritual, es ist sehr archaisch – man findet sich in Zeiten weit weit vor dem Mittelalter wieder, aber in einer Parallelwelt. Oder vielleicht auch schon halb in der Anderswelt.
Musikalisch kann man die Band eher schwer einordnen. Gegründet wurde sie bereits anno 1984, mitten im Umfeld von Postpunk, Wave und experimenteller Musik. Am passendsten wären wohl die Einordnungen in den Industrial, respektive Ritual. Musik die eine große Schar an recht unterschiedlichen Hörern kollektiv aus den Latschen (und Pikes) haut.
Die Texte die vertont werden stammen aus alten Büchern, sie sind bewusst in lateinischer Sprache gewählt damit der Hörer sich in erster Linie in die Musik fallen lassen kann, ein verständlicher Text würde die Aufmerksamkeit davon ablenken (es sei denn man “durfte” sich in der Schule durch Latein quälen und hat davon noch nicht alles verdrängt *g*). Dazu kommt ein ganzen Universum an Symbolik und Hintergründen – Rosa Crux ist also keine einfach zu konsumierende Band – alles andere wäre aber freilich auch langweilig, oder?

Wir fanden uns nach dem Konzert etwas perplex vor dem Schauspielhaus wieder. Meine Begleitung wusste noch nicht so recht was sie von dem allen halten sollte, die Band war ihr komplett unbekannt gewesen, ziemlichen Eindruck hat sie bei ihr aber sichtlich auch gemacht.
Für mich war der Abend dann auch gelaufen, ich schob meinen Reifrock und mich zurück in die Wohnung der Bekannten die mich damals aufgenommen hatte und verbrachte die restlichen Stunden mit einem Glas Wein bei warmem Gewitterregen allein auf dem Balkon. Nichts hätte besser gepasst diese Eindrücke nochmal gebührend Revue passieren zu lassen.

Seitdem ist Rosa Crux eine meiner absoluten Lieblingsbands, mein Wunsch wäre es, einmal die ganz große Show in Rouen zu sehen wo die ganzen schrägen Installationen live zu sehen sind. Aber auch bei den kleinen Bühnenshows sind Rosa Crux ein absolutes Erlebnis das ich nur empfehlen kann.

Wer mehr sehen möchte, dem sei der Youtube-Kanal der Band ans Herz gelegt: http://www.youtube.com/user/RosaCruxTV
Die offizielle Homepage: http://www.rosacrux.org/
Myspace-Profil für Hörproben: http://myspace.com/rosacrux

19.03.2011 – Waid Noises

Spontane Ideen sind oftmals gute Ideen und eine solche bescherte uns einen wirklich großartigen Samstag abend.

Da stand man nun vor der Frage, was man mit eben diesem Samstag abend anstellen wollte – im Stammclub die Stammveranstaltung mit allem quer durch die schwarzen Musikrichtungen stand zur Auswahl – wie sie jeden Monat stattfindet.
Chris fiel die Decke auf den Kopf und auch wenn ich mich an Wochenenden momentan arg aufraffen muss, mal rauskommen und Gesellschaft von Seinesgleichen suchen tut dann doch immer wieder gut.
Recht kurzfristig fiel unser Augenmerk auf eine feine, kleine Veranstaltung im Nürnberger Raum, die wie die Grey Area und Subkultan vom gleichen Verein organisiert wurde – Waid Noises. Nichts wozu man das Tanzbein schwingt, das Konzept erinnerte mich insbesondere im Laufe des Abends mehr an die Blaue Stunde – was die Sache freilich sympathisch machte.
Geboten wurde dafür ein Konzert – die österreichische Neofolk-Kapelle namens Jännerwein spielte auf.
Da das Konzert im Freien unter dem Licht des Vollmondes stattfinden sollte, war warme Kleidung freilich ein Muss. Mir war eh mehr nach Gemütlichkeit zumute, also blieb die Kalkdose geschlossen und der Reifrock verstaut im Schrank. Stattdessen Pikes und Pluderhosen und ein gescheiterter Versuch mit dem Toupierkamm – wo sich andere über mangelnde Haarpracht beschweren ist meine jahrelang gezüchtete Wolle dann wohl etwas zu viel des Guten *gg*

Kurz nach 22:00 Uhr kamen wir im beschaulichen Kalchreuth an, seitwärts in die Büsche ging es dann gen Waldrand, die Lokalität erwies sich als überaus uriger Biergarten – die Innenräume rustikal dekoriert mit Heuballen, Dreschflegel und Sense, der Vorhänge – solides weiß-rotes Karo, sorgfältig zurückgebunden. Und dazwischen tummelten sich schwarzgewandete Gestalten. Will auf den ersten Blick freilich so garnicht zusammenpassen, und etwas skurril wirkte die Szene zunächst auch.
Passend dazu war die “Eintrittskarte” ein Ast-Scheibchen, aufgefädelt an einem Stück grober Paketschnur, mit dem man sich dieses Holzstückchen an den Klamotten festtüddeln konnte. Witzige Idee, mal was anderes als der obligatorische Stempel.

Die Räume waren, bis auf die Theke fast ausschließlich von Kerzenlicht beleuchtet, wir waren zeitig genug da um uns noch einen Sitzplatz zu reservieren, dann noch ein Glas Wein geordert und bei Neofolk-Klängen aus der Konserve etwas ins Plaudern gekommen.
Allerdings wuchs die Lautstärke im Laufe des Abends auf Disco-Pegel an, was für Unterhaltungen dann wenig optimal war – wäre es eine Tanzveranstaltung gewesen, wäre der Umstand freilich OK gewesen, aber in diesem Rahmen wäre etwas weniger Lautstärke angenehmer gewesen – auch wenn die Musik durchweg gut war.

Gegen Mitternacht spielten dann Jännerwein – nicht im Freien wie eigentlich gedacht sondern in der Gaststätte. Wir rückten die Tische ein wenig beiseite und ich wunderte mich wie auf dem doch recht eng bemessenen Raum die ganzen Musiker samt Gerätschaften Platz finden wollten.
Es ging – Neofolker haben den Vorteil daß elektronisches Gerät nicht unbedingt zum Einsatz kommt, und auch Bühnentechnik wie Mikrophone samt Verstärker waren in dem sehr kleinen Saal auch unnötig. Sprich, das Ganze war ein astreines unplugged-Konzert, passend für das Musikgenre freilich.
So war die Runde auch relativ “kuschlig”, die Besucherzahl war ausgesprochen überschaubar, der Raum wie gesagt auch eher klein. Wir saßen quasi direkt vor der Band – so mag ich Konzerte einfach am liebsten.

Jännerwein – das ist eine noch recht junge Neofolk-Band aus Salzburg die neben den neofolk-typischen Instrumenten wie Akustik-Gitarren und Streicher auch für das Genre exotischere Instrumente einsetzt, wie mittelalterliche Drehleiern und Dudelsäcke, was manchen Stücken einen leichten Hang ins Mittelalterliche verleiht, was aber nie zu sehr in den Vordergrund gerät.
Inhaltlich drehen sich die Werke um Mythen und Bräuche einer kargen, unwirtlichen Bergwelt, aber auch Gedichte werden vertont, beispielsweise aus der Romantik – und wie finster die “Romantik” eigentlich war zeigt sich auch hier wieder. Die Musik ist passend dazu durchgehend melancholisch und düster, Stoff für einsame Winternächte bei Kerzenschein.

Der Name “Jännerwein” ist hierbei vom oberbayrischen Volkslied “Der Wildschütz Jennerwein” entlehnt, welches das Ende des Georg Jennerwein besingt – der 1877 unter mysteriösen Umständen ums Leben kam. Jennerwein war von Beruf Holzknecht, was nicht ausreichte um seinen Unterhalt zu bestreiten, sodaß er anfing in den königlichen Wäldern um den Schliersee herum zu wildern, eine Art bayrischer Robin Hood.
Nach seinem Tod wurde er zur Legende und Symbolfigur der Auflehnung gegen die Obrigkeit, verehrt von den einfachen Menschen.
Sein Leben wurde auch mehrfach verfilmt.

Mit deutschsprachigem Neofolk werde ich offengestanden nur sehr selten warm, was meist an den wackligen Gesangskünsten der meisten “Sänger” liegt, manchmal aber auch an arg aufgepresst wirkenden Texten. Englischsprachig wirkt das einfach anders, sogar wenn der Sänger mal etwas wacklig auf den Tönen ist.

Jännerwein war mir bereits ein Begriff, nur bewusst konnte ich mich an kein Musikstück erinnern, also habe ich mich nachmittags etwas eingehört. Komplett vom Hocker hat mich die Band da nicht gerissen, aber ich fand sie doch recht gut.

Live jedoch begeisterte die Band vom Fleck weg, alle vier Musiker haben wunderbare Singstimmen die auf den Aufnahmen meiner Meinung nach bei Weitem nicht so gut rauskommen wie im Konzert. Nach den ersten drei-vier Stücken standen die Jungs auf um feierlich das Kirchenlied “Tantum Ergo” vorzutragen, vierstimmig und a capella. An sich ist Religion nichts was mich sonderlich betrifft, doch die Darbietung führte eindeutig zu Gänsehaut – das oben verlinkte Video kommt dem Live-Erlebnis ebenfalls nicht richtig nahe.
Einzelne Lieder hatten mit Trommeleinsatz auch einen sehr mitreißenden Military Pop-Anklang.

Zum Abschluss gab Jännerwein – wieder a capella – ein englischsprachiges Seemannslied zum Besten (habe noch nicht herausgefunden wie es hies, aber der Text war göttlich).

Kurz nach dem Konzert entschieden wir uns dann den Rückzug anzutreten da sich dann doch etwas Müdigkeit zeigte. Draußen zeigte sich der aktuell besonders erdnah stehende Vollmond in prächtiger Größe und beschien heller als sonst das Gelände um den Felsenkeller. Draußen war inzwischen das Lagerfeuer angezündet worden und einige Gäste scharten sich zum Luftschnappen darum, denn drinnen wurde es während des Konzertes schnell recht warm – wir waren ja auf nächtliches Freiluftkonzert eingestellt gewesen.
Eine wahrhaft magische Nacht die bei besserer Verfassung zum Verweilen und Weiterträumen nach dem großartigen Konzert geradezu eingeladen hätte. Jännerwein hatte einen ganz gut in die passende Stimmung versetzt – passend dazu war das Motto dieser Waid Noises Veranstaltung – Moon Music. Bestimmt hätte das Konzert im Freien am Lagerfeuer und unter dem hellen Mond sogar noch mehr Eindruck hinterlassen.

Fazit: Jännerwein is eine sehr schöne Neuentdeckung aus dem Neofolk, welche sich sicher jetzt öfters in meine Playlist verirren wird ;)
Die “Waid Noises” ist eine ausgesprochen gelungene Veranstaltungsreihe die sich mehr als angenehm vom schwarzen Clubbesuch abhebt und durch den kleinen Rahmen etwas sehr familiäres an sich hat. Da werde ich mich ohne Zweifel gerne wieder “hinverirren” ;) – besonders wenn die Veranstalter noch öfters solche musikalische Perlen ausgraben.

Zum Schluss als musikalische Kostprobe noch ein Stück von Jännerwein: – “Klage” – nach Joseph von Eichendorff, 1809, vom ersten Album “Abendgeläut”, 2008

Selbstzerstörung als Kunstform – die Geschichte von John Faré

Industrial ist eine üble Sache – wenn man darunter Agonoize und Ähnliches versteht, dann sowieso ;) aber wer mit dem Begriff wirklich was anfangen kann, der weiß auch daß Neonklamottenträger bei waschechten Industrialperformances schreiend zu Mammi gerannt wären – man verzeihe mir die Bissigkeit der obigen Worte ;)

“Industrial music for industrial people” – ein Satz der heute auch noch gelegentlich zitiert wird und dabei eher als Werberuf für Finstertechno-Parties eingesetzt wird. Doch wers erfunden hat – weiß das noch jemand?
Das Enfant Terrible der jungen Industrial Culture Ende der 70er wars – Monte Cazazza – der mit schockierenden Aktionen seine Umwelt verschreckt hat und auch einige Zeit in Gefängnissen und Psychatrien zugebracht haben soll.

Über die Industrial Culture möchte ich weiter keine Wort verlieren und verweise stattdessen auf diesen sehr lesenswerten Artikel, der eigentlich genau das auf den Punkt bringt was mit Industrial ursprünglich gemeint war : Die Industrial Culture Szene” – kein Neon, keine Party, keine Fellpuscheln …

Ein Name taucht im Zusammenhang mit der Industrial Culture immer wieder auf – John Fare.
Der kanadische Performancekünstler hat 1936 in Toronto das Licht der Welt erblickt, wenig erfolgreich als Student der Architektur verließ er London, wo er studiert hatte und ging nach Kopenhagen. Seine frühen “Aktionen” bestanden darin sich in der Öffentlichkeit auszuziehen oder seinen nackten Hintern gegen die Fensterscheiben von Nobelrestaurants zu drücken.
Was heutzutage dann gelegentlich im Nachmittagsprogramm der geliebten Privatsender als Proll-Belustigung ausgestrahlt wird, waren damals ausgewachsene Skandale, die John Fare immer wieder zu Gefängnis- und Psychatrieaufhalten verhalfen.

Prothese

Den absoluten Höhepunkt seiner künstlerischen Karriere erreichte John Fare ab Mitt der 60er jahre mit einer Serie von Performances in denen er sich schrittweise selbst verstümmelte und schließlich sogar umbrachte.
Dazu baute er einen automatischen Roboter der aus einem Operationstisch und vier mechanischen Armen bestand, auf dem er sich für jede einzelne Performance schnallen lies. Bei der ersten Veranstaltung wurde er dabei lobotomisiert – was 1964 in Kopenhagen stattgefunden haben soll.
1968 lies er sich in der nächsten Show die komplette rechte Hand amputieren und im Weiteren verlor er in seinen Shows ein Auge, beide Hoden, Finger, Zehen und auch innere Organe sowie mehrere Stücke seiner Haut, die verlorenen Gliedmaßen wurden durch Prothesen aus Metall und Plastik ersetzt die aber wenig Funktional waren und mehr als Symbol der Entmenschlichung dienten.
Bei den Amputationen wurden Mikrofone an Fares Körper sowie der Maschine angebracht, die die Geräusche während der “Vorführungen” über Lautsprecher in den Zuschauerraum übertrugen. Die Klangcollagen sollen Ähnlichkeiten mit Walgesängen gehabt haben – was sich freilich sehr euphemistisch anhören mag wenn man sich vor Augen führen mag daß auch Knochensägen bei der Amputation der Hand im Spiel gewesen sein mussten.

Die abgetrennten Körperteile wurden danach thetaralisch in Ethanol eingelegt und aufbewahrt.

The operation over, one metal claw abruptly raised the hand and wagged it about horribly for a few seconds, as one would a found purse everyone had been searching for in a large field. It then placed the hand in a jar of alchohol, which Andoff, reappearing with the houselights, carefully labelled and placed on a table next to the birth certificate.*

“Dying is an art like everyone else!” wurde John Fare als Zitat in den Mund gelegt, und um dem nachzukommen lies er sich von seinem Roboter enthaupten – als finale Performance, von einer Art angeschliffenem Ventilator.

Die Kunstform der Performance, die in den 60ern aufkam spielte oft mir menschlichen Perversionen und Abgründen, der Künstler erniedrigte sich oft vor dem Publikum, Selbstverstümmelung war auch ein Thema das immer wieder auftauchte. So war der Künstler von seinem Werk nicht getrennt sondern quasi selbst das erschaffene Werk das vor den Augen des Publikums ausgestellt wurde.
Auch die Verbindung Mensch-Maschine war ein oft aufgegriffenes Thema, was hier selten glanzvoll und glattpoliert präsentiert wurde, sondern mit allen negativen Folgen die menschliche Urängste berührten.
Vorläufer der Performance finden sich in den Kunstformen des Dadaismus und Futurismus, auch aufgenommen werden kultische Ritualhandlungen.

Und hier schließt sich wieder der Kreis zum Industrial als Musikform und seiner Nachfolger die oben genanntes ebenso als Inhalte haben.

Die geschichte von John Fare hielt sich in den Kreisen der Industrial Culture und des Postpunks lange, schließlich waren seine Performances die ultimative Industrial-Show – der Selbstmord auf Raten bis zum furiosen Finale! Auch die aufkeimende Body-Art Szene deren verwässerte Modeauswüchse heute in ungeliebten “Arschgenweihen” und den aus der Mode gekommenen Augenbrauenpiercings im Mainstream angekommen sind, stürzten sich auf die erschreckende Geschichte von John Fare.

Doch das alles ist nur eine Legende.

1985 schrieb der Performancekünstler Danny Devos einen Brief an den Direktor der Isaacs Gallery in Toronto, wo sich Fare in der oben geschilderten Performance die Hand amputieren lies – angeblich. Und erhielt als Antwort die Versicherung daß es einen John Fare nie gegeben habe, und auch die Shows reine Legenden seien.
Logisch betrachtet liegt ja auch schon nahe daß an der Geschichte von Fare einiges nicht stimmen kann – 1964 einen Roboter zu bauen der präzise nicht nur eine Hand abtrennen konnte, sondern auch Stücke der Haut millimetergenau entfernen konnte … ganz zu schweigen von dem Umstand daß Fare nach dem ersten Eingriff – der Lobotomie – noch imstande war den Roboter für die weiteren Einrgiffe zu programmieren wurde schon andernweitig kritisiert.
Noch dazu gibt es keinerlei Bilddokumente von den Performances.

Die fiktive Biographie von John Fare wurde 1972 von Tim Craig verfasst, der Artikel erschien 1987 im “a Coil Magazine” das von der gleichnamigen Industrial Band “Coil” herausgegeben wurde, und so verbreitete sich der Mythos in der Post-Industrial Kultur weiter.
Unter den prominenten Anhängern dieser Legende befand sich im Übrigen auch kein geringerer als David Bowie himself ;)

Faszinierend wie sich so ein Mythos hält, Fares Biographie enthielt darüber hinaus alle Details seiner Performances, schön theatralisch ausgearbeitet. Man gruselt sich und stellt sich vor daß so etwas wirklich real geschehen ist und will dabei garnicht wahr haben daß in Wahrheit alles nur fiktiv ist – vielleicht weil das Gruseln über menschliche Abgründe abstoßend aber gleichzeitig irgendwie angenehm ist – ein Thema über das man freilich auch Bände an Text und Gedanken füllen kann. So ist man freilich auch selbst immer betroffen wenn man sich mit solchen Dingen beschäftigt, und auch beim Industrial bleibt man nie reiner Konsument, kein Partygänger der Spaß hat, man wird in den Abgrund hinein gezogen und wird Teil des Grauens. Und das ganz ohne Neonschläuche auf dem Kopp, sondern nackt, hilflos, verängstigt und allein.

* http://www.myspace.com/23missingparts

Weitere Quellen:
http://www.john-fare.com/threadsindex.html
http://www.evolver.at/stories/John_Fare_Portrait_Rokkos_Adventures_2_10_2008/
http://www.couni.com/texte/indust.htm